Eine der schwierigsten Aufgaben für viele Unternehmen ist es, offene Rechnungen und sonstige Außenstände einzutreiben. Diese Arbeit ist einerseits äußerst ressourcenintensiv, entscheidet andererseits aber nicht selten über die gesamte wirtschaftliche Existenz des Unternehmens. Eine moderne, sichere und immer öfter praktizierte Lösung für dieses Problem ist das sogenannte Factoring, mit dem wir uns hier etwas näher beschäftigen wollen.
Was ist Factoring genau?
Beim Factoring verkauft ein Unternehmen bestehende Forderungen aus Warengeschäften oder Dienstleistungen und steigert somit die Liquidität. Als Gegenleistung für die Abtretung der Forderungen leistet der Factor umgehend eine Zahlung an den Factoring-Kunden, die sich an der Höhe der Forderung orientiert.
Das Factoring-Unternehmen, der sogenannte Factor (auch Factoring-Institut genannt), kauft also die Forderungen des Kunden gegen dessen Debitor. Als Gegenleistung für den Verkauf der Forderungen zahlt der Factor zwischen 80 % und 100 % des Rechnungsbetrags sofort, den Rest nach Zahlungseingang durch den Kunden, spätestens jedoch nach i. d. R. 150 Tagen. Letzteres wird in der Factoring-Definition als „Sicherungseinbehalt“ bezeichnet. Das Entgelt für den Sicherungseinbehalt setzt sich zusammen aus der Umsatzgebühr, Zinsen für die Bevorschussung und sonstigen Gebühren.
Welche Factoring Verfahren gibt es?
Es gibt mehrere Factoring-Varianten, von denen das offene Full-Service-Factoring die übliche Form ist und von den meisten Facoring-Kunden in Deutschland gewählt wird. Voll zum Tragen kommen bei dieser Factoring-Variante alle Vorteile wie Ausfallschutz, Kostenreduzierung und die Verbesserung der Bilanzkennzahlen.
Full-Service Factoring
Bezeichnet wird das offene Full-Service-Factoring auch als „echtes Factoring“. Hierbei müssen drei Funktionen vom Factoring-Institut übernommen werden: die Liquiditätsfunktion, das Ausfallrisiko und das Debitorenmanagement.
Stilles Factoring / Offenes Factoring
Eine weitere Factoring-Variante ist das stille Factoring. Hierbei wird die Übertragung der Forderungen nicht offengelegt. Diese Factoring-Variante wird jedoch immer nur dann angeboten, wenn eine ausgezeichnete Bonität vorliegt und das betreffende Unternehmen über die technische Ausstattung verfügt, um die jeweiligen Daten austauschen zu können. Hierfür ist beispielsweise eine leistungsfähige Buchführungssoftware notwendig.
Beim offenen Factoring werden die Debitoren darüber informiert, dass die Begleichung der fälligen Rechnungen direkt an das Factoring-Institut zu erfolgen hat. Dieses offene Factoring kommt oft im B2B-Bereich zur Anwendung, stilles Factoring verwenden dagegen meist kleinere Unternehmen und Dienstleister.
Inhouse Factoring
Eine besondere Factoring-Variante des stillen Factorings ist das Inhouse-Factoring. Hierbei verbleibt die Debitorenbuchhaltung beim Factoring-Kunden, der diese treuhänderisch für das Factoring-Institut übernimmt. Bei dieser Factoring-Variante bleiben der Liquiditätsvorteil sowie der Ausfallschutz erhalten.
Fälligkeits-Factoring
Das Fälligkeits-Factoring ist eine Factoring-Variante, bei der der Factoring-Kunde die Risikoabsicherung und das Debitorenmanagement ausnutzt, jedoch auf die zusätzliche Liquidität verzichtet.
Export Factoring
Factoring-Anbieter können, je nach Vertrag, auch für das Exportgeschäft die Finanzierungsfunktion übernehmen. Einziger Unterschied hierbei ist, dass zwei Factoring-Unternehmen beteiligt sind – zum einen der Export-Factor und zum anderen ein Import-Factor. In der Regel wird das Export-Factoring von Unternehmen angeboten, die in den betreffenden Auslandsstaaten Tochtergesellschaften betreiben.
Factoring und das Ausfallrisiko
Mit „Ausfallrisiko“ wird das Risiko des teilweisen oder vollständigen Verlustes von Forderungen aus Lieferungen und Leistung eines Unternehmens aufgrund der Zahlungsunfähigkeit eines Debitors bezeichnet. In den meisten Fällen sind die Gründe für die Zahlungsunfähigkeit Insolvenzen, mangelnde Zahlungswilligkeit sowie weitere Unsicherheiten wie beispielsweise die Wirtschaftskriminalität.
Die Zahlungsunfähigkeit gilt als eingetreten, wenn eine festgelegte Frist verstrichen ist, der Debitor nicht bezahlt hat und auch keinen Einwand gegen seine Zahlungsverpflichtung erhebt. Neben dem wirtschaftlichen Ausfallrisiko kommen im Exportgeschäft teilweise vielfältige politische Gefahren hinzu.
Weltweit ist das Ausfallrisiko für einen Kreditgeber oft sehr hoch, je nach Struktur des Forderungsbestandes. Hohe Außenstände bei wenig Kunden können die Liquidität und somit auch den Ertrag stark einschränken. Im schlimmsten Fall ist sogar die Existenz des betreffenden Unternehmens ernsthaft bedroht. Dieses Ausfallrisiko wird beim Factoring vom Factor bis zu 100 % regresslos übernommen.
Wann lohnt sich Factoring?
Den Einsatz von Factoring sollte insbesondere in folgenden Fällen in Betracht gezogen werden:
- Wenn das Unternehmen hohe Außenstände hat
- Wenn sich das Unternehmen gegen Forderungsausfälle schützen möchte
- Wenn das Unternehmen seine Liquidität steigern möchte
- Wenn das Unternehmen seine (angespannte) finanzielle Situation entspannen möchte
