Getrübte Wirtschaftslage: Unternehmen fordern entschlossene Reformen

Nima

EU Wirtschaft in der Rezession
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Die wirtschaftliche Stimmung in deutschen Unternehmen bleibt angespannt. Rund ein Viertel der Betriebe geht davon aus, dass sich die Konjunktur im Inland im kommenden Jahr verschlechtern wird. Etwa die Hälfte erwartet hingegen keine spürbare Veränderung der wirtschaftlichen Rahmenbedingungen. Das zeigt eine Befragung des internationalen Kreditversicherers Atradius, an der mehr als 470 Unternehmen teilnahmen. Nach Einschätzung von Frank Liebold, Country Director Deutschland bei Atradius, sei politisches Handeln dringend erforderlich, um ein weiteres Rezessionsjahr zu verhindern.

Die Ergebnisse der Umfrage unterstreichen diese Einschätzung. Mehr als 73 Prozent der teilnehmenden Unternehmen sehen im Abbau bürokratischer Hürden einen zentralen Hebel zur Stärkung des Wirtschaftsstandorts. Knapp 70 Prozent sprechen sich für niedrigere Energiekosten aus. Steuerliche Entlastungen werden von rund 48 Prozent gefordert, während etwa 46 Prozent politische Stabilität als entscheidenden Faktor benennen. Darüber hinaus nennen die Unternehmen weitere Maßnahmen wie geringere Sozialabgaben, höhere staatliche Investitionen, ein investitionsfreundlicheres Umfeld sowie gezielte Strategien gegen den Fachkräftemangel. Liebold verweist darauf, dass die Ursachen der wirtschaftlichen Schwäche seit Langem bekannt seien, es jedoch an konsequenter Umsetzung fehle.

Die angespannte Lage zeigt sich auch in den Erwartungen zu Unternehmensinsolvenzen. Mehr als zwei Drittel der Befragten rechnen für 2026 mit steigenden Firmenpleiten. Rund 30 Prozent erwarten eine Entwicklung auf dem Niveau von 2025, während nur ein sehr kleiner Teil von einem Rückgang ausgeht. Innerhalb der eigenen Branche stuft etwa ein Drittel der Unternehmen das Insolvenzrisiko als hoch ein, gut die Hälfte geht von einem unveränderten Risiko aus. Beim Zahlungsverhalten ergibt sich ein gemischtes Bild: Knapp 30 Prozent rechnen mit mehr Zahlungsverzögerungen, etwa ein Drittel erwartet keine Veränderungen, die übrigen sehen nur begrenzte Auswirkungen.

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Trotz der schwachen Konjunktur planen die meisten Unternehmen derzeit keine Verlagerung ihrer Produktion ins Ausland. Über 77 Prozent schließen einen solchen Schritt aus, während knapp zehn Prozent ihn in Erwägung ziehen. Ein Teil der Befragten ist noch unentschlossen. Als mögliche Gründe für eine Produktionsverlagerung werden unter anderem hohe Energiekosten, Bürokratie, steuerliche Belastungen, Standortnachteile, politische Rahmenbedingungen sowie der anhaltende Fachkräftemangel genannt.

Am Arbeitsmarkt sind die wirtschaftlichen Schwierigkeiten bislang nur eingeschränkt spürbar. Mehr als 70 Prozent der Unternehmen planen im kommenden Jahr keinen Stellenabbau. Ein kleiner Teil rechnet mit dem Abbau von Arbeitsplätzen, während rund ein Fünftel diese Frage offenlässt. Auch bei Neueinstellungen zeigt sich Zurückhaltung: Knapp 30 Prozent planen zusätzliche Beschäftigungen, gut ein Drittel schließt diese aus, und ein weiterer Teil hält sich noch alle Optionen offen.

Das Vertrauen in die wirtschaftspolitische Handlungsfähigkeit der Bundesregierung ist aus Sicht vieler Unternehmen gesunken. Rund 40 Prozent der Befragten geben an, dass ihr Vertrauen seit dem Amtsantritt von Bundeskanzler Friedrich Merz abgenommen habe. Bei etwa 43 Prozent blieb es unverändert, während nur eine Minderheit von einer Verbesserung spricht.

Auch die rentenpolitischen Pläne der Bundesregierung stoßen in der Wirtschaft auf Skepsis. Eine Anhebung des Renteneintrittsalters auf 70 Jahre wird von der Mehrheit der Unternehmen als nicht sinnvoll bewertet. Nur ein kleiner Teil hält diesen Schritt für zielführend, während knapp ein Viertel ihn teilweise unterstützt. Das im Dezember verabschiedete Rentenpaket wird von Unternehmensseite kritisch gesehen, da es nach Einschätzung von Frank Liebold die strukturellen Probleme des Rentensystems nicht löse und langfristig jüngere Generationen belasten könne.

Statt einer generellen Erhöhung des Rentenalters favorisieren viele Unternehmen alternative Ansätze. Eine freiwillige Verlängerung der Lebensarbeitszeit gilt für die Mehrheit als wirksamer. Auch Modelle wie eine Aktivrente mit steuerfreien Zusatzeinkünften finden breite Zustimmung. Zudem sprechen sich viele für eine Erwerbstätigenversicherung aus, die auch Selbstständige und Beamte einbezieht. Eine generelle Anhebung des Rentenalters wird von mehr als einem Drittel abgelehnt. Weitere Maßnahmen wie die Abschaffung von Sonderregelungen, etwa der abschlagsfreien Rente mit 63, werden ebenfalls diskutiert, während ein sogenannter Boomer-Soli kaum Unterstützung findet.

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Für die im November durchgeführte Erhebung wurden Unternehmen aus zahlreichen Branchen befragt, darunter Automotive, Bauwirtschaft, Chemie, Dienstleistungen, IT, Maschinenbau, Handel und Landwirtschaft. Die Spannweite reicht von Betrieben mit einem Jahresumsatz unter fünf Millionen Euro bis hin zu Unternehmen mit mehr als einer Milliarde Euro Umsatz. Auch die Unternehmensgrößen variieren deutlich – von weniger als 100 bis zu über 1.500 Beschäftigten.

Dieser Text basiert auf einer Pressemitteilung von Atradius Kreditversicherung/Veröffentlicht am 22.12.2025