Deutschland könnte die belastenden Folgen der jüngsten protektionistischen Maßnahmen der USA nicht nur ausgleichen, sondern sogar deutlich übertreffen, wenn zusätzliche Freihandelsverträge abgeschlossen würden. Zu diesem Ergebnis kommt eine aktuelle Untersuchung des ifo Instituts, erstellt im Auftrag der Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft (INSM).
Die Studie zeigt, dass eine breit angelegte Freihandelsoffensive der EU mit sieben zentralen Partnerstaaten – den sogenannten P7 (Mercosur, Indien, Malaysia, Indonesien, Thailand, Australien sowie die Vereinigten Arabischen Emirate) – das deutsche Bruttoinlandsprodukt (BIP) um bis zu 0,5 Prozent steigern könnte. Dies entspräche einem jährlichen Wohlstandsgewinn von maximal 21,6 Milliarden Euro oder bis zu 259 Euro pro Einwohner. Damit würde der wirtschaftliche Effekt dieser Abkommen sogar über dem Wachstumseffekt des 500-Milliarden-Sondervermögens liegen, das im kommenden Jahr lediglich einen Zuwachs von 0,3 Prozentpunkten erwarten lässt. Die zentrale Schlussfolgerung der Analyse lautet, dass Freihandel die internationale Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Industrie langfristig stärkt und das Wohlstandsniveau erhöht.
Darüber hinaus haben die ifo-Ökonominnen und -Ökonomen berechnet, wie stark die neuen US-Zölle unter Präsident Trump europäische Produkte treffen würden. Die deutschen Wirtschaftsleistungen könnten dadurch um rund 0,13 Prozent sinken, während die Exporte um etwa 1,3 Prozent zurückgehen würden. Besonders betroffen wären Branchen, die die Stabilität der deutschen Volkswirtschaft tragen, darunter vor allem der Maschinenbau und die Automobilindustrie. In diesen Bereichen würden Wertschöpfung und Exportvolumina spürbar unter Druck geraten, was Beschäftigung und Investitionen in Deutschland direkt beeinträchtigen könnte.
Als wirksame Gegenstrategie hebt die Studie „Global Europe 2.0“ die schnelle Umsetzung neuer EU-Handelsabkommen mit den P7-Staaten hervor. Je nach Ausgestaltung dieser Abkommen könnten die negativen Effekte der US-Zollpolitik nicht nur kompensiert, sondern insgesamt übertroffen werden.
Die deutschen Exporte könnten dadurch um 1,7 bis 4,1 Prozent steigen und gleichzeitig würde die EU ihre Absatzmärkte breiter diversifizieren. Der Abbau bilateraler Handelsbarrieren würde neue, dynamische Märkte erschließen und die wirtschaftliche Widerstandsfähigkeit gegenüber politischen Handelshemmnissen erhöhen.
Besonders die Industrie würde von einer solchen Freihandelsoffensive profitieren: Die sektorale Wertschöpfung könnte um bis zu 1,8 Prozent steigen. Die größten Zuwächse wären in den exportstärksten Branchen zu erwarten. Der Maschinenbau hätte ein Potenzial von bis zu 2,7 Prozent Wachstum, die Chemische Industrie von bis zu 3,1 Prozent und die Automobilbranche von bis zu 3,2 Prozent. Diese Entwicklungen zeigen, dass Deutschland selbst in Zeiten globaler Unsicherheiten mit einer aktiven Freihandelspolitik wirtschaftliche Impulse setzen kann.
Noch stärkere Effekte wären laut Studie möglich, wenn die EU zusätzlich ein umfassendes Handelsabkommen mit den USA abschließen würde. In diesem erweiterten Szenario könnte das deutsche BIP um 0,7 bis 1 Prozent steigen.
Der Geschäftsführer der INSM, Thorsten Alsleben, betont in diesem Zusammenhang, dass Freihandel aus seiner Sicht den größten Wachstumsimpuls liefern könne. Er weist darauf hin, dass es innerhalb Deutschlands schwierig sei, durch strukturelle Reformen kurzfristig die Wettbewerbsfähigkeit zu steigern. Umfangreiche und zügig ausgehandelte Handelsabkommen könnten jedoch helfen, den aktuellen wirtschaftlichen Abschwung in eine Phase des Wachstums zu verwandeln. Er stellt zudem die Frage, warum die EU mit einer solchen Initiative noch zögere.
Dieser Text basiert auf einer Pressemitteilung von Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft (INSM)/Veröffentlicht am 25.11.2025
